Das Huhn, das Ei und die Logik der Eierspeis: Wirtschaftsjournalismus!

Bis jetzt fragten nur wenige nach, wozu es Wirtschaftsjournalismus gibt. Dann kam 2008 „plötzlich“ (!) die Finanzkrise und das Versagen im Erkennen und Kommentieren sowohl der Wirtschaftsjournalisten, als auch der von ihnen präsentierten Ökonomen schockierte.
Wer sich angesichts des unreflektierten Gebrabbels aus den Redaktionsstuben fragte, worin noch mal die Berechtigung der Vierten Macht im Staate rührt, die eine funktionierende Demokratie auszeichnet, findet das individuelle Unbehagen über die inexistente Informationsarbeit in zwei großen Studien zum Wirtschaftsjournalismus grandios bestätigt.

Ende 2010 erschien „Bad News – How America´s Business Press Missed the Story of the Century“. Dean Starkman steuert darin eine breit angelegte Untersuchung der wirtschaftsbezogenen Berichterstattung zwischen 1. Jänner 2000 und 30. Juni 2007 bei. Mit diesem Zeitraum wollte man die gesamte Immobilienblase in ihrer Entwicklung einfangen bis zum Datum vor dem tatsächlichen Crash.

Das untersuchte Sample umfasste die neun einflussreichsten Medienhäuser: Wall Street Journal, New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, Bloomberg News, Financial Times, Fortune, BusinessWeek und Forbes. In dem gesamten Zeitraum konnte Starkmans Team in einer überbordenden Flut an Berichten – allein das Wall Street Journal brache es auf 220.000 Artikel – ganze 730 Artikel ausmachen, die sich kritisch mit den sich abzeichnenden Risiken beschäftigen.

Die zweite Studie „Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik“ untersuchte die Situation in Deutschland. Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz analysierten die Berichterstattung von Handelsblatt, TAZ, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Financial Times Deutschland im Zeitraum von Frühjahr 1999 bis Herbst 2009. Arlts Befund: „Der Wirtschaftsjournalismus der tagesaktuellen Qualitätsmedien war fast ausnahmslos so sensationell schlecht, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung über zu gehen.“

Das Fazit der Autoren ist erschütternd. Einerseits weil es den „Qualitäts-“Journalismus ins Mark trifft und andererseits weil die Folgen des Informationspfusches gewaltig sind. Ich möchte hier einige Stellen herausheben, aber nicht ohne Sie zum detaillierten Nachlesen aufzufordern.

„Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des
Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung. Im Bereich der Wirtschaft, den die
Gesellschaft selbst für ihren wichtigsten hält, leistet sie sich einen tagesaktuellen
Journalismus, der wenig Information bietet und viel Desorientierung verursacht.
[…]
Der Wirtschafts- und in diesem Fall Finanz- und Finanzmarktjournalismus hat sich meist
intensiv um die Perspektive der Anbieter und Anleger/Nachfrager gekümmert. Die
kritische Darstellung der neuen Finanzbranche, ihr Wandel von einem Dienstleister zu
einer Art Finanzindustrie, sowie die Folgen daraus für das Gemeinwohl, also die
Perspektiven von Volkswirtschaft und Gesellschaft, waren kein Thema.

Es gab nicht nur kompetentes, prominentes und gut zugängliches kritisches Wissen –
wie der Literaturbericht in der Studie ausführlich belegt –, es gab zudem in dem Zeitraum
von 1999 bis Mitte 2007 mehrere von den Autoren untersuchte bedeutende Ereignisse,
die Anlass für eine entsprechende Berichterstattung gewesen wären. Auch diese wurden
nicht genutzt, sondern ebenso wie das kritische Wissen ignoriert. Von Mitte des Jahres
2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden
können und müssen. Sie haben in dieser Frage versagt.

Vor allem SZ, FAZ und HB halten zu lange an einem Deutungsrahmen fest – der Markt
reguliert via Preis das Wirtschaftsgeschehen effizient, der Staat soll sich heraushalten –,
der den Ereignissen nicht mehr gerecht wurde. Deshalb war sogar ihre zunehmend
qualitätsvollere Berichterstattung in der Krise mit einem Orientierungschaos verbunden.
Der Wirtschaftsjournalismus verliert seinem Publikum gegenüber kein Wort über seine
Defizite der Vergangenheit.
[…]
Die Redaktion arbeitet “perspektivenarm”: Das heißt, im Mittelpunkt der Arbeit stehen die
jeweils offiziell wichtigsten Akteure, Vertreter der deutschen Regierung zuallererst,
Bankenvertreter, wenige Wissenschaftler und deren Sichtweisen.
Der Befund der “Perspektiven-Armut” gilt für die Informationsarbeit ebenso wie für die
Kommentierung. Das direkte Geschehen an der Börse und deren Perspektive nehmen in
der Wirtschafts-Berichterstattung einen ungewöhnlich umfangreichen Platz ein.
[…]“

Arlt und Storz stoßen eine längst überfällige Diskussion an, die von der Verflechtung der Redaktionen mit Politik und Wirtschaft, über die eklatanten Defizite an Bildung, Reflexionsvermögen und Fachwissen, in die desaströsen Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs und damit ins Unterschlagen des Zur-Verantwortung-Ziehen der Akteure in Politik und Wirtschaft mündet.

Woran liegt es? Sind die Redaktionen so ausgedünnt und finanziell durch den Rückgang an Werbeeinnahmen geschwächt, dass qualitätsvolle, investigative Recherche nicht mehr möglich ist? Dem steht entgegen, dass Arlt und Storz auch die alt-ehrwürdige ARD-Tagesschau unter die Lupe genommen haben und dort ebenfalls keine Spur von Vielfalt an Informationsquellen oder Ausgewogenheit der Perspektiven zu finden war. Ein Beamten-Journalismus á la ORF wäre allenfalls ein potenziertes Schreckenszenario.

Sind die Wirtschaftswissenschafter schuld? Verstecken sich die hellsichtigen, kritischen Geister in unzugänglichen Elfenbeintürmen und überlassen das mediale Feld den finanzmarkthörigen Vasallen ihrer Zunft? Arlt und Storz meinen, in Deutschland habe es keinen Mangel alternativer wirtschaftswissenschaftlicher Quellen gegeben. Journalistische Routine und Überzeugung hätten aber Vorrang vor kritischen Fragen oder gar Unsicherheit. Wagen wir einen Blick nach Österreich, so kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass ich noch in keinem Wirtschaftsteil auf offene Fragen oder gar aufgezeigte Grenzen des mitgeteilten „Wissens“ gestoßen bin.

Aus heutiger Sicht bin ich nicht optimistisch, dass die von Arlt und Storz geforderte selbstkritische Diskussion geführt wird oder gar nach den Ursachen des Versagens des Wirtschaftsjournalismus gefragt wird. Eher wird man sich nicht aus der Tagesroutine bringen lassen und selbstgefällig weitermachen wie bisher. Was solls?

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